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Der HAPEK Blog

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Pokern mit Einstein, Gates und Musk? Kein Problem!

Pokern mit Einstein, Gates und Musk? Kein Problem!

Ihr kennt doch bestimmt das Gedankenexperiment bzw. die Frage: „Mit wem würdest Du gerne einen Abend verbringen?“

Wahrscheinlich kennt das jeder in irgendeiner Ausführung. Da geht die Spannbreite von 3 Dinnergästen – lebend oder aus der Vergangenheit – bis hin zu einer wilden Nacht mit einer alten Flamme. Je nachdem, wer in welcher Runde diese Frage stellt.

Mein Szenario dieser Idee lautet – denn da könnte ich den kurzen Tag optimal nutzen:

„Wen würden Sie zu einer Pokerrunde einladen?“

Kurz zu mir:
Ich bin Deutschlands bekanntester Poker-Experte (www.jan-heitmann.de, www.hapek.org)

und ich lade Sie zu einem Gedankenspielchen ein.

Mit welchen 6 Personen möchten Sie einen Tag lang Poker spielen?

Also: Es geht los. Sind Sie bereit?
Sie haben eine Minute, also spontan:

Nominieren Sie 1 bis max. 6 Mitspieler – am Leben oder aus der Vergangenheit, intelligent oder dumm, aus allen Bereichen des Leben – für Ihre exklusive Poker-Runde. Wenn Ihnen auf die Schnelle nur 3 einfallen, auch gut.

(Ergebnisse gerne JETZT in den Kommentaren schriftlich festhalten, später gibt es nochmal eine Chance.)

Jetzt stellen wir uns folgende Szene vor:

7 Menschen sitzen an einem Pokertisch und spielen.

Einer davon sind Sie.

Das Setting dürfen Sie sich ausmalen. Es kann in einem eleganten Londoner Club stattfinden, auf einem alten Schloss, am Meer oder am Finaltisch der Weltmeisterschaft, dem Final Table, vielleicht aus den 70er, mit Underground Flair.

Wichtig:Wir spielen ein paar Stunden, dann gibt es noch die Möglichkeit, sich auszutauschen, also beim Dinner oder an der Bar oder eben am Pokertisch.

Dieser Ablauf kommt Euch sicher bekannt vor: Es ist wie bei einer typischen Weiterbildung + Network-Veranstaltung… nur in Lustig.

Da sitzen Sie jetzt am coolsten Pokertisch, den Sie sich ausgemalt haben, mit den Top 6 der interessantesten Personen. Zumindest die, die Ihnen gerade spontan eingefallen sind.

Mit denen verbringen Sie nun einen Tag zusammen.

An sich schon ein super cooles Even – und danach werden Sie sich noch mit den weisen, einflussreichen und/oder berühmten Gästen unterhalten.

Jetzt habe ich aufgrund meines Werdegangs einen entscheidenden (pun intended) Vorteil:

Ich sitze ja in meinem Gedankenexperiment auch mit am Tisch und kann den Leuten Poker erklären. Das mache ich nicht nur gerne, das mache ich – ganz unbescheiden – auch gut. Seit über 20 Jahren. Und in dieser spezifischen Runde aus einem bestimmten Grund. Für mich ist es vorteilhaft, wenn alle nach dem Abend Poker besser verstanden haben.

Erstmal lernen also alle, wie man Poker zu spielt. 15 Minuten Regelkunde, dann kann es meistens schon losgehen. Alle haben die gleiche Ausgangsposition, wenn auch nicht den gleichen Wissensstand.

Folgende Voraussetzungen werden erfüllt:
Die Spieler nehmen das Spiel ernst.
Jeder spielt für sich selbst.
Es darf gerne frei diskutiert werden. Nicht nur, aber auch über Poker.

Das Spiel geht los. Einstein geht mit. Bill Gates erhöht den Einsatz. Elon Musk geht all-in… Sie sind dran.

Jetzt sitzen Sie da und spielen und reden und diskutieren. Und amüsieren sich. Gamification würde man das heute nennen.

 

Warum ich diese Art der Interaktion mit den interessantesten Menschen einer anderen Aktivität vorziehe?

Am Pokertisch entsteht das Phänomen, dass man sich in kurzer Zeit gut kennenlernt. Man versucht ja auch ständig, den anderen einzuschätzen. Die ausgeprägte Persönlichkeit zeigt sich in der Spielweise. Der Charakter zeigt sich im Verlauf des Tages im Spiel.

Das kennen wir ja. Schon Schiller schrieb, der Mensch sei „nur da ganz Mensch, wo er spielt.“
Auch Hape Kerkeling sang „Das ganze Leben ist ein Spiel“ (ok, es heisst eigentlich „Das ganze Leben ist ein Quiz“, aber wir wissen ja, was er gemeint hat…).

 

Mein Aufgabe in dieser imaginären Pokerrunde ist es, sicher zu stellen, dass jeder der Eingeladenen danach ein besserer Pokerspieler ist und auch weiss, warum.

Je nach Gruppe oder Anlass meines Gedankenexperiments gibt es zwei Varianten:

1. Wir können einfach Poker spielen und uns nebenher kennenlernen, quatschen, diskutieren. Danach gibt es die Pokerkonzepte serviert.

2. Oder wir diskutieren während des Spiels über Konzepte, Strategien, Mathematik, Gegner lesen, etc.

Und am Ende des Tages gibt es Erkenntnisse.

Wer war so, wie ich ihn/sie mir vorgestellt habe?
Wer hat sich wie benommen?
Wer hat was gelernt?
Wer hat welche Fortschritte gemacht? Oder logische Patzer?
Wer nimmt den Verlust gelassen hin?
Wer erträgt den Sieg?

Welche Dynamiken sind entstanden? Zwischen wem gab es Konfrontationen?

Wer hat gewonnen?

Ein Reichtum an Antworten, die einem so nur ein Spiel geben kann.

An so einem Tag lernen die Teilnehmer, wie ein Pokerspieler denkt.

Man versteht, Poker ist kein Glücksspiel.
Dann merkt man: Poker ist noch nicht einmal ein Kartenspiel.
Poker ist ein Spiel über Menschen.
Poker ist ein Spiel über Menschen und ihre Entscheidungen.
Poker vor allem (aber nicht nur) ein Modell für Entscheidungen unter Unsicherheit.
(Kurzvortrag: https://www.youtube.com/watch?v=LipuWhTKgOw)

 

Je besser ich Poker erkläre, desto interessanter ist es dann, wie jeder Anwesende (der Poker als Spiel UND als Modell ja dann besser versteht,) mir seine Welt in diesem Modell beschreiben kann.

Wo sehen die Spieler die Parallelen zu Ihrer Welt?

Einstein z.B. würde ich dann bitten, mir seine Analogien zwischen Poker und Wissenschaft darzubieten.
Und je besser ich vorher dieses simple (wenn auch nicht einfache) Modell Poker erklärt habe, desto klarer kann „Albi“ (nach einem Pokerabend kennt man sich…) mir dann seine Weisheiten in diesem Modell erklären.
Wo sieht er in seiner Welt Konzepte wie TAG, Position, Gegner lesen, Raise oder Fold, etc.
(einige Kurzkonzepte gibt es hier:
TAG: https://youtu.be/QVQRq49hrDE
Level Denken: https://youtu.be/XP4Wbsb_Ehw
2 Aufgaben: https://youtu.be/MLdWcxyvNvs)

Aus rein egoistischen Gründen ist das großartig, denn dann lerne ich viel mehr über das jeweilige Thema.

Recht häufig, je nachdem wer da mit welcher Frage sitzt, kann das Modell Poker uns sogar helfen, Antworten für ihn oder sie zu finden.

Ich wäre so gespannt, wie Einstein Poker spielt. Wie er das Modell versteht und welche Fragen er dem Modell stellen könnte.
Aber er ist momentan nicht in meinen Top 6.

Einer meiner Favoriten ist John von Neumann, einem geschätzten Genie aus der jüngeren Vergangenheit.

„It is indeed supremely difficult to effectively refute the claim that John von Neumann is likely the most intelligent person who has ever lived. By the time of his death in 1957 at the modest age of 53, the Hungarian polymath had not only revolutionized several subfields of mathematics and physics but also made foundational contributions to pure economics and statistics and taken key parts in the invention of the atomic bomb, nuclear energy and digital computing.“
(Quelle: https://medium.com/cantors-paradise/the-unparalleled-genius-of-john-von-neumann-791bb9f42a2d)

 

Unter anderem, weil er einer der Ersten war, die Poker als Modell für Entscheidungsfindung erkannt und vor allem genutzt haben.
Anhand von Poker hat er mit Oscar Morgenstern die Spieltheorie entwickelt, also dem Teilbereich der Ökonomie, der sich mit Entscheidungsfindung unter Unsicherheit beschäftigt.

Wir sprechen ja sozusagen schon die gleiche Sprache. Nur spricht er sie fliessend. Aber wir können uns beide „auf Pokerisch“ unterhalten, ich muss nicht erst Physik studieren oder den IQ auf 200 bringen.

 

Viele der US-Präsidenten haben regelmässig Poker gespielt.

FDR (hat sein Programm „New Deal“ nach einem Pokerbegriff benannt)

Truman (hat mit Winston Churchhill auf dem Weg zu dessen „Iron Curtain“ Rede und sogar während dem Abwurf Hiroshima gepokert!! Ich bin mir auch sicher, dass John von Neumann die Implikationen, die eine atomare Waffe mit sich bringt, auch anhand von Pokerkonzepten erklärt hat: eine gemeinsame Sprache, die Truman und er verstehen.)

Eisenhower, 5 Star General, Kommandant der Alliierten, hat in seiner frühen Karriere so viel beim Poker gewonnen, dass er absichtlich verloren hat, um den Kameraden ihr Geld zurückzugeben.

Und Obama hat Pokerrunden genutzt, um sein Netzwerk zu erweitern und vom Studium bis ins Weisse Haus immer mal wieder zu Pokerrunden eingeladen.

Trump spielt kein Poker. Dafür viel Golf.

 

Trump wäre eine interessante Wahl (pun intended)… ich bin mir noch nicht sicher.

 

Meine Fragen an ihn sind vielleicht andere, als die offensichtlichen.
Mich würde nicht so sehr interessieren, was er denkt oder was er vorhat.

Ich möchte zwei Fragen am Ende des Tages beantworten können:

1. Das warum. Seine Motivation. Seine innere Logik.
Wie er denkt. Also eher der Prozess hinter seinen Gedanken und Taten.

2. Ob er gut Poker spielen kann, UND/ODER ob er es schafft, das Spiel zu ändern, das Spielfeld zu wechseln.

Meine Hypothesen zu Trump wären: Trump ist ein lausiger Pokerspieler. Innerhalb der Grenzen des Pokerspiels wäre er der Wal. Ja, DER. Ohne „h“.
Der Wal ist der größte unter den Fischen in der Pokersprache (ja, wir wissen, Säuger. Not the point.)
Das ist der Spieler, der alle anderen finanziert. Von den geladenen Gästen in der momentanen imaginären Pokerrunde wäre er der großer Verlierer. Ich kann das auch begründen, hier:

Also, wenn wir die Runde irgendwie finanzieren müssten, oder Venture Capital bräuchten, dann gerne Trump. (Er müsste nur im Vorhinein Cash zahlt.)

Vermutlich schafft er es, das Spiel zu wechseln, wie er es immer in seiner Karriere gemacht hat – also weg vom eigentlichen Regelwerk, hin zur Aufmerksamkeit, zur Marke Trump – das kann er halt besser als jeder andere.
Nur… ohne die Power seiner derzeitigen Position (auch ein Pokerkonzept: ) und vor allem in meiner Fantasie kommt er damit nicht durch. Wenn er zu viel Aufmerksamkeit an sich reisst und den Rahmen sprengt, muss ich ihn ja rausschmeissen, denn ich habe nur diesen einen Tag mit den anderen 5. Es kann nicht immer alles um ihn gehen.

 

Nachdem Sie jetzt das Setting etwas besser kennengelernt haben,
Sie sich vielleicht schon in ihre eigene exklusive Pokerrunde reinversetzt haben,
verstehen Sie sicher meine Faszination für die Ausgangsfrage.

Wen möchten Sie innerhalb von kurzer Zeit, einem Tag, mal so richtig durchleuchten, seine / ihre Motivationen verstehen und die Entscheidungskompetenz analysieren?

Und nach diesen vielen neuen Informationen machen wir das Gedankenexperiment noch einmal. Machen Sie ruhig mit.

Sie suchen Ihre 6 Gäste für eine Pokerrunde.

Sie, einen Tag am Pokertisch, mit 6 Personen Ihrer Wahl.
(Ich lade mich auch noch ein, als 8. und zeige allen, wie ein Pokerspieler denkt…)

Je nach Anliegen setzt sich diese Runde aus völlig verschiedenen Personen zusammen.
Ich vermute auch, dass wir aus den jeweiligen Zusammenstellungen schon eine Menge über den Zusammensteller oder das aktuelle Thema erfahren.

Nehmen Sie sich ruhig Zeit. Vielleicht etwas länger. Vielleicht auch öfter. Also. Let`s play.

#werspieltmit
#pokerlehrt
#pokerrunde
hapek.org

Lockdown, die Zweite

Lockdown, die Zweite

Entscheiden im Ungewissen – so titeln meine Vorträge. Doch erst 2020 hat uns gelehrt, was diese Worte in sich tragen. Die Zeit vorher sah und sehe ich wie ein Modell, eine Simulation, ein Spiel.  Was standen da für künstliche Probleme im Raum, was stilisierte man sich nicht in Entscheidungssituationen, wo doch letztlich nichts zu entscheiden war.

 

„Nur die Fragen, die prinzipiell unentscheidbar sind, können wir entscheiden“ —  Heinz von Förster

 

Für eine echte Entscheidung ist echte Ungewissheit nötig. Gibt es einen Präzedenzfall an dem sich der „Entscheider“ orientieren wird, so entscheidet er nicht mehr. Er spielt nur nach, was längst entschieden ist. Schade um jeden, der sich dessen nicht bewusst ist. Denn ohne diese Klarheit blufft man nicht nur sein Umfeld. Man täuscht sich selbst, indem man sich Entscheidungskompetenz andichtet, ohne tatsächlich zu entscheiden. Echte Entscheider leben mit echtem Druck und echtem Risiko. Sie können fallen. Das allein rechtfertigt die enormen Möglichkeiten, die erfolgreichen Entscheidern offen stehen.

Wer wirklich entscheidet und gewinnt, der darf mehr verdienen als jemand, der vielleicht das gleiche kann, aber kein Risiko geht.
Er muss sogar mehr verdienen und mehr vermögen, wenn er gewinnt. Denn sonst fehlte jeder Anreiz und es wäre die richtige Entscheidung kein Entscheider zu sein. Wir dürfen echten Entscheidern nichts neiden, denn ihr Weg steht jedem offen. Man muss dafür raus aus dem sicheren Hafen, raus aufs weite Meer. – Und manchen verschluckt die raue See. Wie gut, dass man doch zu Hause geblieben ist. Wie gut, dass hier alles in Ordnung ist.

Wer sich für ein sicheres Gut entscheidet, der trägt nicht die Risiken und er verdient auch nicht die Chancen. Das ist ein fairer Deal und deshalb lässt sich nicht wirklich werten, was besser ist. Ob man Unternehmer oder Angestellter ist, ist eine echte Entscheidung. Für diese Frage gibt es keine Patentlösung.

Die letzten Dekaden des steten Aufstiegs haben dazu geführt, dass auf immer höherem Level agiert werden durfte. Mehr und mehr Entscheider sahen immer weniger Sinn im Hunger nach mehr. Sie waren weit genug. Neue Chancen wirkten subjektiv nicht mehr das korrespondierende Risiko wert. So hörten sie auf wahrhaftig zu entscheiden. Sie sicherten ab. Das ist völlig verständlich und doch ein Designfehler. Denn ein Chef, der nicht mehr wirklich entscheidet, verdient es nicht mehr wirklich, besser zu verdienen als ein Angestellter. Denn er trägt ja auch nicht mehr die Risiken, die seinen Chancen und den Verdiensten daraus entgegenstehen. Ein risikoaverser Chef führt also gleichsam einem klassisch tragischen Helden seinen eigenen Untergang herbei: eben weil er sichern möchte, dass er nicht verliert, verliert er die Grundlage seines privilegierten Status an sich. So trug es sich mehr und mehr zu:

Die Last der Verantwortung war nur mehr eine leere Hülle. Chefsein hatte seine Risiken ausgelagert, die Boni aber erhöht.

In dieser Gemengelage erreicht uns Covid. Wir sind nicht bereit, etwas aufzugeben. Wir sind nicht bereit, zurückzustehen. Wir glauben, dass unser jeweiliger Statusquo gefestigt ist. Davon müssen wir wieder etwas abrücken. Wir müssen verstehen, dass wir als Führungskräfte echte Verantwortung zu tragen haben. Wir müssen bereit sein, harte Entscheidungen zu treffen. Und das nicht nur für die anderen. Gerade auch für sich selbst.

Unsere Regierung ist solchen Entscheidungen ausgesetzt. Man hat sich nun entschieden. Für Schulen und Kitas und gegen die Gastronomie und den Sport.
Finde ich das gut? Keine Ahnung. Ich habe in den letzten Tagen mal wieder allen voran viel über Demut gelernt.

Wie leicht fällt es mir doch in der Manier eines Christian Lindner, mich hinzustellen und zu kritisieren. Wie leicht fällt es mir doch, alltägliche Aussagen über die Unvernunft der anderen lächerlich zu finden. Aber fasse ich mich an die eigene Nase, so sehe ich, dass ich einem übergeordneten gesellschaftlichen Ziel der Kontaktminimierung nicht wirklich entspreche. „Clever” schränke ich mich da ein, wo mir nicht wirklich was fehlt. Ich gehe abends nicht in ne Bar – wie sonst auch. „Dafür“ geh ich zum Sport – wie sonst auch. Was macht mich „besser“ als jemanden, der sich zum Veltins statt zum Federball verabredet? Wohl nichts.

Angela Merkel hat appelliert. Sie hat uns alle eindringlich gebeten. Immer und immer wieder. Meine Freiheit, mein eigenes Urteilsvermögen, war nicht in der Lage, mich wirklich zu beschränken. Ich machte im Rahmen der Gesetze weiter und war fein damit. Solches haben wir wohl alle getan. Und darum braucht es wohl leider einen umfassenderen Hebel, damit wir die Botschaft nicht nur verstehen, sondern ihr auch Folge leisten.

Ohne Druck geht wohl nichts. Diese Lehre ist ebenso eindeutig wie bitter für uns als Menschen. Wären wir wirklich mündig, wären wir wirklich umsichtig, würden wir wirklich gut entscheiden, dann verhielten wir uns nachhaltiger und nächstenlieber. Denn unser hier und jetzt, ebenso wie unser jeweiliges ich, ist nichts im Vergleich zur überwältigenden Größe unserer Zukunft. Für alle anderen sind wir selbst „der Nächste“. Es ist wie mit der Maske. Sie schützt uns nicht wirklich, aber es schützt uns, wenn sie kollektiv getragen wird. Entscheide ich mich in diesen Tagen für Führung und Verantwortung, dann ist das Mittragen der kollektiven Richtung ein guter Weg.

Stephan Kalhamer – Haus am See Part 3

Stephan Kalhamer – Haus am See Part 3

Das Haus am See – die Evolution einer Erkenntnis in drei Teilen.

Von Stephan Kalhamer

Wie Beobachtungen zum exponentiellem Wachstum im vergnügten Alltag über essentielle Turnierentscheidungen am Pokertisch zu konkreten Einsichten für unser Hier und Jetzt führen.

Hier geht es zu Episode 1:
Die Lage am See

Hier geht es zu Episode 2:
Das Entscheiden am Pokertisch

Episode 3:
Vom See über den Spieltisch in die Welt

 

In der Bibel steht:
„Der, der ohne Schuld ist, werfe den ersten Stein“.

Solches konnte nur im Glauben an eine intakte Selbstreflexion eines jeden einzelnen geschrieben werden.
Heute würde man wohl kaum ungesteinigt davon kommen.

Jeder weiß doch immer alles so verdammt gut.
Und zwar genau hinterher.
Genau dann, wenn längst alles gelaufen ist und die Tugenden eines validen Entscheiders längst nicht mehr gefragt sind.

Deswegen möchte ich für Respekt werben.
Respekt vor einer schwierigen Situation.
Respekt vor echter Ungewissheit.
Respekt vor den Konsequenzen einer echten Entscheidung.

Wir alle lieben Sieger.
Wir alle lieben Helden.
Wir lieben das happy End.
Das ist der Grund, warum ein jeder wannabe in den Chefsessel drängt.
Einfach da sitzen und ein bisschen verwalten – easy.
Doch das ist nur der Pseudopart des Chefseins.

Unter echten Risiken, genauso wie unter echten Schmerzen folgenschwer zu entscheiden,
das macht Entscheiden im Ungewissen aus.

Um das zu können, muss ich mit mir im Reinen sein.
Ich muss erkennen, was ich wissen kann.
Ich muss verstehen, wie alles Erkannte zusammenwirkt.

Dann pflege ich die Vor- und Nachteile in die Alternativen ein, weite noch ein letztes Mal meinen Blick
– in der Hoffnung auf eine bislang unerkannte Synthese.

Dann drücke ich ab – und verzeihe mir selbst.
Denn sollte ich scheitern, so wird mir sonst niemand verzeihen.

Ich aber muss zumindest für mich selbst wissen, dass es gut war.
Ich muss wissen, dass ein vernünftiger und entschlossener Entscheider in meinem Stuhl saß
und dass dieser Entscheider vertretbar gehandelt hat.

Sollte ich Recht behalten, werde ich über die Maßen gelobt werden.
Und sollte sich das Szenario anders entwickeln als erwartet, so wird zu hart über mich geurteilt werden.

So ist das Leben – und deshalb ist Poker, dieses Strategiespiel voll unvollständiger Informationen,
ein noch besseres Bild für unsere menschlichen Belange, als der deterministische Strategieklassiker Schach.

Wo Schach schwarz-weiss denkt, denkt Poker in Farbe.

Stephan Kalhamer ist der Philosoph unter den Pokertrainern. Er ist Mathematiker, Redner und Autor. Mit seiner Metatheroie der Entscheidungen
beleuchtet er wirtschaftliche und alltägliche Entscheidungsfragen aus der Sicht eines Pokerspielers und gewinnt daraus Erkenntnisse, die bei seinen Zuhörern
und Lesern stetig Anwendung finden.

 

Stephan Kalhamer – Haus am See 2

Stephan Kalhamer – Haus am See 2

Das Haus am See – die Evolution einer Erkenntnis in drei Teilen.

Von Stephan Kalhamer

Wie Beobachtungen zum exponentiellem Wachstum im vergnügten Alltag über essentielle Turnierentscheidungen am Pokertisch zu konkreten Einsichten für unser Hier und Jetzt führen.

Hier geht es zu Episode 1:
Die Lage am See

Episode 2:
Das Entscheiden am Pokertisch

Pokerturniere sind kapitalistischer Natur – es geht schließlich darum, sein Kapital zu mehren. Pokerturniere sind demokratischer Natur – jeder hat die gleiche Stimmgewichtung.
Pokerturniere sind auch sozialistischer Natur – es herrscht absolute Chancengleichheit, jeder verfügt über das gleiche Startkapital und für jeden gelten durchwegs die gleichen Regeln.

Tagelang sind wir nun gesessen und wir sind dankbar dafür.
Das Feld mehrerer tausend Starter hat sich gelichtet.
Fast einsam fühlt es sich an, jetzt – da in der weiten Halle mit einst voll besetzten Tischen nur mehr wenige belebt sind.

 

Auch nach jahrzehntelanger Pokererfahrung bleibt die eigene Empfindung ein Stück weit ergebnisorientiert naiv.

So hält es jeder der bislang überlebenden Spieler für recht natürlich, dass er noch im Spiel ist. Gleichwohl hadert die massive Mehrheit aller Ausgeschiedenen irgendwo zwischen Wut und Enttäuschung, zweifelt am eigenen Vermögen, dem Spiel oder gar der gänzlichen Berechtigung von Hoffnung, Fleiß oder Geschick.

Gibt es Gerechtigkeit – oder Gott?

Die meisten Poker-Tode haben ihre Vorgeschichte.
Irgendetwas lief doof.
Mal hat man es zu verantworten – mal nicht.

Mal passt man sich der Situation an – mal nicht.

In jedem Fall ist dir klar, dass der Moment einer großen Entscheidung naht.
Findest du nach einem Rückschlag wieder Anschluss ans Spielerfeld oder mündet deine jetzige Entscheidung direkt – oder bald – im Ausscheiden?

Den taktischen Entscheidungen in der finalen Hand gehen dabei strategische Entscheidungen voraus.

Kategoriell gibt es zwei Wege, um sein do-or-die zu gestalten:
Den Weg der Geduld und den Weg der Aggressivität.

Spielen wir geduldig weiter, dann ertragen wir noch eine ganze Weile das beständige Nagen der Grundeinsätze an unserem ohnehin viel zu knappen Kapital. Wir hegen immer die verzweifelte Hoffnung auf die eine Gelegenheit, das eine Blatt, dass alles wieder gut macht.

Gleich… ja, gleich kommt sie, die große Chance!

Auf diesem Weg ist vorgezeichnet, was passieren kann.
Entweder die Hoffnungen erfüllen sich und man ist vorerst zurück im Spiel – oder aber eben nicht.

Dabei sind zwei Arten des Scheiterns zu unterscheiden, denn sie fühlen sich gänzlich anders an.

Findet man das geduldig erwartete Szenario und scheidet dann per Pech aus, so zweifelt man nicht am Weg, sondern einzig am Ergebnis.

Man hadert nicht mit sich, sondern mit dem Schicksal.

Wird der Weg der Geduld aber letztlich nie durch ein annehmbares Blatt belohnt, dann findet man sich in einem letzten traurigen und alternativlosen Spiel wieder, welches dann entsprechend tragisch endet.

Und dann keimt Ungnade mit sich selbst auf.
Warum habe ich nicht früher mein Schicksal in die Hand genommen?
Ich Feigling!

Nun denn.

Es steht ja auch der heroische Weg der frühen Tat zur Auswahl.
Fackeln wir nicht lange, sobald die Diagnosen unseres spielerischen Fortlebens schlechter werden und suchen unser Heil im Angriff, so sind wir entweder direkt wieder flott – oder aber wir sind ebenso direkt an einer Operation verstorben, die wir übers Knie gebrochen haben, nur weil wir etwas verschnupft waren.

Auch dieser Tod führt direkt in den Selbsthass.

Wie konnte ich nur?

Warum war ich nicht geduldig?

Das nächste Mal lass ich mich nicht so schnell entmutigen.

Ich werde in Ruhe abwarten, bis meine Stunde schlägt.

Das Blatt für mein Comeback wird kommen.

Doch welchen Weg ich auch wähle, welches Ergebnis auch eintreten wird – hinterher erscheint mir die andere Alternative immer klüger, als der gegangene Weg.

Hinterher…

Fortsetzung folgt.

 

Stephan Kalhamer ist der Philosoph unter den Pokertrainern. Er ist Mathematiker, Redner und Autor. Mit seiner Metatheroie der Entscheidungen beleuchtet er wirtschaftliche und alltägliche Entscheidungsfragen aus der Sicht eines Pokerspielers und gewinnt daraus Erkenntnisse, die bei seinen Zuhörern und Lesern stetig Anwendung finden.

Stephan Kalhamer – Haus am See

Stephan Kalhamer – Haus am See

Das Haus am See – die Evolution einer Erkenntnis in drei Teilen.

Von Stephan Kalhamer

Wie Beobachtungen zum exponentiellem Wachstum im vergnügten Alltag über essentielle Turnierentscheidungen am Pokertisch zu konkreten Einsichten für unser Hier und Jetzt führen.

Episode 1:
Die Lage am See

Zwei gigantische Drohungen stehen sich gegenüber. Dabei scheint doch die Sonne!
Wir sitzen am See und blicken verträumt aufs Wasser.
Ein paar Algen hie und da, insgesamt aber einfach nur pittoresk.
Entspannung macht sich breit.
Die Gedanken bekommen Flügel.

Exponentielles Wachstum also… na und? Was heißt das schon?

Ich sehe Bilder von dem inneren Auge. Und Zahlen.
Ich bin Mathematiker. Ich kann nicht anders.
Nehmen wir an, die Algenmenge in unserem See verdoppelt sich jeden Tag.
Nehmen wir weiter an, dass er binnen 30 Tagen komplett veralge.
Dann ist er am 29. Tag zur Hälfte veralgt, am 28. zu einem Viertel, am 27. zu einem Achtel.
Am 26. Tag seiner Veralgung sind also noch 15/16 des Sees in tadellosem Zustand!

Das ist die eine Drohung:
Ein ultimativer Befall ist bereits programmiert, dieser wird aber bis sprichwörtlich 5 vor 12 nicht wirklich greifbar sein. Dann aber würde es zu spät sein. Dann würde zu wenig Kapazität für ein zu großes Problem vorliegen.

Gleichzeitig liegt dieser Verlaufsprognose auch die andere Drohung inne:
Nämlich die, dass nicht nur alles in Ordnung scheint, sondern tatsächlich in Ordnung ist!

Die Verbreitungsannahmen blieben also nur Theorie, alles wird sich wieder von alleine geben.

Was also tun?
Sollten wir uns direkt aus den Sonnenstühlen erheben, jeder sich einen Kescher schnappen und alles wäre ruckzuck erledigt?
Hm. Es ist einfach zu gemütlich gerade.
Es wird schon nicht so arg sein.
Irgendwas ist immer.
Und irgendwer will immer was…

Und wie stehen wir denn da, wenn wir den ganzen Weiher verrückt machen mit diesem Unfug?

Zu oft wurde schon zu viel geunkt und letztlich war ja doch nie was…

Und so vergeht die Zeit.

Andere Seen veralgen.

Es wird ungemütlicher, lauter und voller bei uns.

Da pfeift der Bademeister – und riegelt alles ab.

Aus ist es mit dem Vergnügen.

Stilllegung in all ihren Konsequenzen – für jede Familie und jeden Menschen um den See herum.

Statt zu sitzen, wird nun gesprochen.

Jeder hat eine Meinung, eine Überzeugung.
Es bilden sich zwei Lager.
Den See wieder öffnen würde ihn auf lange Sicht komplett veralgen, behaupten die einen.

Die anderen sagen, ein geschlossener See ist die eigentliche Katastrophe.

Wirklich wissen tut niemand etwas.

Keine Lage ist wie die unsere.

Örtlich wie zeitlich liegt eine einmalige Szenerie vor.

 

Unser schöner Weiher!

 Fortsetzung folgt.

 

 

Stephan Kalhamer ist der Philosoph unter den Pokertrainern. Er ist Mathematiker, Redner und Autor. Mit seiner Metatheroie der Entscheidungen beleuchtet er wirtschaftliche und alltägliche Entscheidungsfragen aus der Sicht eines Pokerspielers und gewinnt daraus Erkenntnisse, die bei seinen Zuhörern und Lesern stetig Anwendung finden.