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Die Pandemie fordert uns seit einem Jahr. Persönlich weder gesundheitlich noch wirtschaftlich über Gebühr bedroht, fiel es mir stets leichter, eine moderate Grundhaltung in gutem Glauben zu wahren.

In vielen Gesprächen musste ich über diesen Zeitraum Wesensveränderungen an sich bedachter Menschen erleben, wie ich sie sonst nur unter großem Stresslevel am Pokertisch kenne.

Ich kann gut verstehen, wenn sich jemand, der sich über Jahrzehnte einen Betrieb aufgebaut hat, daran stört, dass er seinem Geschäft nicht mehr nachgehen kann. Seine gewohntes Tun, im Rahmen unserer Gesetze eigenverantwortlich zu walten, ist von einem Tag auf den anderen nicht mehr möglich. Dem eigenen Weltbild wird da der Boden entzogen. Einst stabile Säulen wirken von heute auf morgen willkürlich. Man muss sich undenkbare Fragen stellen: Wann und wie darf wieder gearbeitet werden? Und wie lange? Wie sieht meine Branche nach Covid aus? Macht es Sinn, unter finanziellem Kraftakt zu überbrücken oder verpufft solches ohnehin? Unter Voraussetzungen wie diesen verlieren auch gestandene Entscheider verständlicherweise mal ihre Souveränität.

Ebenso ist mir klar, wie gerade zu „lächerlich“ solche „Luxussorgen“ auf jemanden wirken mögen, der aufgrund “eines einzigen falschen Atemzuges” um sein nacktes Leben bangt. Oder um das einer ihm lieben, gefährdeten Person. Auch da ist die eigene Zündschnur nachvollziehbar kurz, sieht man jemanden etwa seine Maske „aufreizend leger” tragen…

Der Pokertisch hat mich gelehrt, jede persönliche Wahrheit zu akzeptieren. Will ich den jeweiligen Menschen „ideal spielen“, so ist es an mir, seine Gedanken möglichst treffend zu antizipieren und daraus sein künftiges Verhalten abzuleiten. Das ist das Input, auf dessen Basis meine eigenen Entscheidungen fussen.

Anders als am Pokertisch nehme ich im echten Leben die Erkenntnisse solcher handanalytischen Überlegungen normalerweise nicht zum Anlass, dagegen zu spielen. Im realen Leben ist es schön, wenn man Befindlichkeitsgrenzen aufgrund von Pokerskills gut erkennen und sich entsprechend angepasst verhalten darf. Man spricht dabei wohl von Empathie, von Diplomatie oder auch von gutem Verhandeln, wenn man auf sein Gegenüber wirklich eingeht.

Unserer Regierung habe ich stets zugute gehalten, dass sie in einer enorm großen Dimension zu entscheiden hat. Ihre größte Herausforderung besteht meiner Meinung nach nicht im Zielkonflikt Wirtschaft vs. Gesundheit. Die wichtigste Komponente ist die Kommunikation mit den Menschen. Deutschland ist groß und regional sehr verschieden. Schafft man regional optimierte Lösungen, so bietet das natürlich echte Vorteile: An sich muss am Land ja nicht das gleiche gelten wie im urbanen Leben. Leider menschelt es allzu schnell und manch Schlaumeier verargumentiert sich in seinem Verhalten stets auf die ihm gerade passende Auslegungsseite.

Darum gefällt mir die aktuelle Regel “Haushalt plus Eins” sehr gut. Sie verbindet Klarheit und Flexibilität auf tolle Weise. Gehe ich alleine wohin, so hat das mit großer Wahrscheinlichkeit auch einen bestimmten Zweck. Besuche ich als Paar oder als Familie, so dient das mit großer Wahrscheinlichkeit „nur“ dem Zwecke der Unterhaltung. Unsere Regierung will auf Basis ihrer Erkenntnisse derartige Kontakte einschränken und hier gelingt es kommunikativ sehr gut, solches zu erreichen. Gleichzeitig bietet die Regel ein Schlupfloch an einer angebrachten Stelle: Als Single kannst du auch „zu deiner Unterhaltung“ raus. Finde ich ok, denn ich glaube, dass mir die Pandemie ungleich härter vorkäme, wäre ich nicht umgeben von meiner Familie. Alleinstehende erfahren hier also eine „Besserstellung“, die ihnen auch zugestanden werden sollte.

Blicke ich nun auf das neue Infektionsschutzgesetz, so ärgere ich mich tatsächlich zum ersten Mal so richtig. Und zwar über eine Zahl: 165. Wo kommt denn die bitte her?

Jede bisherige Norm habe ich immer irgendwie nachvollziehen können, auch wenn mir als Mathematiker stets die innewohnende Willkür klar war. Es braucht nun mal Grenzen. Innerorts fahren wir 50. Das heißt nicht, dass 48 gut und 52 böse ist. Aber hey, willst du, dass Millionen von Verkehrsteilnehmern sich auf etwas einigen, so braucht es eine klare diskrete Grenze. In der Pandemie hat sich die Politik auf Inzidenzwerte geeinigt. Im laufenden Wochenturnus. 35, 50, 100 und nachjustierterweise 200 wurde eingeführt. So ist es nun.

Das Bundesgesetz sollte das bisherige Vorgehen auf Länderebene vereinheitlichen. Klarheit und Einheit waren ein, wenn nicht das vorgegebene Ziel. Diese Chance muss unter Profis gut genutzt werden. Für mich ist es nicht erklärbar, dass man nach einem Jahr Erfahrung mit politischer Pandemiekommunikation diesen so entscheidenden Schritt mit einer neuen, äußerst willkürlich wirkenden Zahl verunglimpft. Noch dazu in so einem emotional aufgeladenen Thema wie dem Präsenzunterricht an unseren Schulen. Nein, bei aller Liebe. Dieser Aspekt, dieser Zug lässt tief in aktuellen Entscheidungsprozesse unserer Regierung blicken. Das wirkt kleinkariert, zerstritten und auf persönliche Belange achtend. Dabei brauchen wir gerade jetzt ein klares Miteinander um gemeinsame Schritte gehen zu wollen. Hoffentlich irrt mein Blick als Pokerspieler und ich liege in meinen impliziten Folgerungen falsch. Denn gibt es einen guten Grund für diese 165, so darf ich weiter an kompetente Gremien und valide Entscheidungsmechanismen glauben.