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Das Haus am See – die Evolution einer Erkenntnis in drei Teilen.

Von Stephan Kalhamer

Wie Beobachtungen zum exponentiellem Wachstum im vergnügten Alltag über essentielle Turnierentscheidungen am Pokertisch zu konkreten Einsichten für unser Hier und Jetzt führen.

Hier geht es zu Episode 1:
Die Lage am See

Episode 2:
Das Entscheiden am Pokertisch

Pokerturniere sind kapitalistischer Natur – es geht schließlich darum, sein Kapital zu mehren. Pokerturniere sind demokratischer Natur – jeder hat die gleiche Stimmgewichtung.
Pokerturniere sind auch sozialistischer Natur – es herrscht absolute Chancengleichheit, jeder verfügt über das gleiche Startkapital und für jeden gelten durchwegs die gleichen Regeln.

Tagelang sind wir nun gesessen und wir sind dankbar dafür.
Das Feld mehrerer tausend Starter hat sich gelichtet.
Fast einsam fühlt es sich an, jetzt – da in der weiten Halle mit einst voll besetzten Tischen nur mehr wenige belebt sind.

 

Auch nach jahrzehntelanger Pokererfahrung bleibt die eigene Empfindung ein Stück weit ergebnisorientiert naiv.

So hält es jeder der bislang überlebenden Spieler für recht natürlich, dass er noch im Spiel ist. Gleichwohl hadert die massive Mehrheit aller Ausgeschiedenen irgendwo zwischen Wut und Enttäuschung, zweifelt am eigenen Vermögen, dem Spiel oder gar der gänzlichen Berechtigung von Hoffnung, Fleiß oder Geschick.

Gibt es Gerechtigkeit – oder Gott?

Die meisten Poker-Tode haben ihre Vorgeschichte.
Irgendetwas lief doof.
Mal hat man es zu verantworten – mal nicht.

Mal passt man sich der Situation an – mal nicht.

In jedem Fall ist dir klar, dass der Moment einer großen Entscheidung naht.
Findest du nach einem Rückschlag wieder Anschluss ans Spielerfeld oder mündet deine jetzige Entscheidung direkt – oder bald – im Ausscheiden?

Den taktischen Entscheidungen in der finalen Hand gehen dabei strategische Entscheidungen voraus.

Kategoriell gibt es zwei Wege, um sein do-or-die zu gestalten:
Den Weg der Geduld und den Weg der Aggressivität.

Spielen wir geduldig weiter, dann ertragen wir noch eine ganze Weile das beständige Nagen der Grundeinsätze an unserem ohnehin viel zu knappen Kapital. Wir hegen immer die verzweifelte Hoffnung auf die eine Gelegenheit, das eine Blatt, dass alles wieder gut macht.

Gleich… ja, gleich kommt sie, die große Chance!

Auf diesem Weg ist vorgezeichnet, was passieren kann.
Entweder die Hoffnungen erfüllen sich und man ist vorerst zurück im Spiel – oder aber eben nicht.

Dabei sind zwei Arten des Scheiterns zu unterscheiden, denn sie fühlen sich gänzlich anders an.

Findet man das geduldig erwartete Szenario und scheidet dann per Pech aus, so zweifelt man nicht am Weg, sondern einzig am Ergebnis.

Man hadert nicht mit sich, sondern mit dem Schicksal.

Wird der Weg der Geduld aber letztlich nie durch ein annehmbares Blatt belohnt, dann findet man sich in einem letzten traurigen und alternativlosen Spiel wieder, welches dann entsprechend tragisch endet.

Und dann keimt Ungnade mit sich selbst auf.
Warum habe ich nicht früher mein Schicksal in die Hand genommen?
Ich Feigling!

Nun denn.

Es steht ja auch der heroische Weg der frühen Tat zur Auswahl.
Fackeln wir nicht lange, sobald die Diagnosen unseres spielerischen Fortlebens schlechter werden und suchen unser Heil im Angriff, so sind wir entweder direkt wieder flott – oder aber wir sind ebenso direkt an einer Operation verstorben, die wir übers Knie gebrochen haben, nur weil wir etwas verschnupft waren.

Auch dieser Tod führt direkt in den Selbsthass.

Wie konnte ich nur?

Warum war ich nicht geduldig?

Das nächste Mal lass ich mich nicht so schnell entmutigen.

Ich werde in Ruhe abwarten, bis meine Stunde schlägt.

Das Blatt für mein Comeback wird kommen.

Doch welchen Weg ich auch wähle, welches Ergebnis auch eintreten wird – hinterher erscheint mir die andere Alternative immer klüger, als der gegangene Weg.

Hinterher…

Fortsetzung folgt.

 

Stephan Kalhamer ist der Philosoph unter den Pokertrainern. Er ist Mathematiker, Redner und Autor. Mit seiner Metatheroie der Entscheidungen beleuchtet er wirtschaftliche und alltägliche Entscheidungsfragen aus der Sicht eines Pokerspielers und gewinnt daraus Erkenntnisse, die bei seinen Zuhörern und Lesern stetig Anwendung finden.