fbpx

Entscheiden im Ungewissen – so titeln meine Vorträge. Doch erst 2020 hat uns gelehrt, was diese Worte in sich tragen. Die Zeit vorher sah und sehe ich wie ein Modell, eine Simulation, ein Spiel.  Was standen da für künstliche Probleme im Raum, was stilisierte man sich nicht in Entscheidungssituationen, wo doch letztlich nichts zu entscheiden war.

 

„Nur die Fragen, die prinzipiell unentscheidbar sind, können wir entscheiden“ —  Heinz von Förster

 

Für eine echte Entscheidung ist echte Ungewissheit nötig. Gibt es einen Präzedenzfall an dem sich der „Entscheider“ orientieren wird, so entscheidet er nicht mehr. Er spielt nur nach, was längst entschieden ist. Schade um jeden, der sich dessen nicht bewusst ist. Denn ohne diese Klarheit blufft man nicht nur sein Umfeld. Man täuscht sich selbst, indem man sich Entscheidungskompetenz andichtet, ohne tatsächlich zu entscheiden. Echte Entscheider leben mit echtem Druck und echtem Risiko. Sie können fallen. Das allein rechtfertigt die enormen Möglichkeiten, die erfolgreichen Entscheidern offen stehen.

Wer wirklich entscheidet und gewinnt, der darf mehr verdienen als jemand, der vielleicht das gleiche kann, aber kein Risiko geht.
Er muss sogar mehr verdienen und mehr vermögen, wenn er gewinnt. Denn sonst fehlte jeder Anreiz und es wäre die richtige Entscheidung kein Entscheider zu sein. Wir dürfen echten Entscheidern nichts neiden, denn ihr Weg steht jedem offen. Man muss dafür raus aus dem sicheren Hafen, raus aufs weite Meer. – Und manchen verschluckt die raue See. Wie gut, dass man doch zu Hause geblieben ist. Wie gut, dass hier alles in Ordnung ist.

Wer sich für ein sicheres Gut entscheidet, der trägt nicht die Risiken und er verdient auch nicht die Chancen. Das ist ein fairer Deal und deshalb lässt sich nicht wirklich werten, was besser ist. Ob man Unternehmer oder Angestellter ist, ist eine echte Entscheidung. Für diese Frage gibt es keine Patentlösung.

Die letzten Dekaden des steten Aufstiegs haben dazu geführt, dass auf immer höherem Level agiert werden durfte. Mehr und mehr Entscheider sahen immer weniger Sinn im Hunger nach mehr. Sie waren weit genug. Neue Chancen wirkten subjektiv nicht mehr das korrespondierende Risiko wert. So hörten sie auf wahrhaftig zu entscheiden. Sie sicherten ab. Das ist völlig verständlich und doch ein Designfehler. Denn ein Chef, der nicht mehr wirklich entscheidet, verdient es nicht mehr wirklich, besser zu verdienen als ein Angestellter. Denn er trägt ja auch nicht mehr die Risiken, die seinen Chancen und den Verdiensten daraus entgegenstehen. Ein risikoaverser Chef führt also gleichsam einem klassisch tragischen Helden seinen eigenen Untergang herbei: eben weil er sichern möchte, dass er nicht verliert, verliert er die Grundlage seines privilegierten Status an sich. So trug es sich mehr und mehr zu:

Die Last der Verantwortung war nur mehr eine leere Hülle. Chefsein hatte seine Risiken ausgelagert, die Boni aber erhöht.

In dieser Gemengelage erreicht uns Covid. Wir sind nicht bereit, etwas aufzugeben. Wir sind nicht bereit, zurückzustehen. Wir glauben, dass unser jeweiliger Statusquo gefestigt ist. Davon müssen wir wieder etwas abrücken. Wir müssen verstehen, dass wir als Führungskräfte echte Verantwortung zu tragen haben. Wir müssen bereit sein, harte Entscheidungen zu treffen. Und das nicht nur für die anderen. Gerade auch für sich selbst.

Unsere Regierung ist solchen Entscheidungen ausgesetzt. Man hat sich nun entschieden. Für Schulen und Kitas und gegen die Gastronomie und den Sport.
Finde ich das gut? Keine Ahnung. Ich habe in den letzten Tagen mal wieder allen voran viel über Demut gelernt.

Wie leicht fällt es mir doch in der Manier eines Christian Lindner, mich hinzustellen und zu kritisieren. Wie leicht fällt es mir doch, alltägliche Aussagen über die Unvernunft der anderen lächerlich zu finden. Aber fasse ich mich an die eigene Nase, so sehe ich, dass ich einem übergeordneten gesellschaftlichen Ziel der Kontaktminimierung nicht wirklich entspreche. „Clever” schränke ich mich da ein, wo mir nicht wirklich was fehlt. Ich gehe abends nicht in ne Bar – wie sonst auch. „Dafür“ geh ich zum Sport – wie sonst auch. Was macht mich „besser“ als jemanden, der sich zum Veltins statt zum Federball verabredet? Wohl nichts.

Angela Merkel hat appelliert. Sie hat uns alle eindringlich gebeten. Immer und immer wieder. Meine Freiheit, mein eigenes Urteilsvermögen, war nicht in der Lage, mich wirklich zu beschränken. Ich machte im Rahmen der Gesetze weiter und war fein damit. Solches haben wir wohl alle getan. Und darum braucht es wohl leider einen umfassenderen Hebel, damit wir die Botschaft nicht nur verstehen, sondern ihr auch Folge leisten.

Ohne Druck geht wohl nichts. Diese Lehre ist ebenso eindeutig wie bitter für uns als Menschen. Wären wir wirklich mündig, wären wir wirklich umsichtig, würden wir wirklich gut entscheiden, dann verhielten wir uns nachhaltiger und nächstenlieber. Denn unser hier und jetzt, ebenso wie unser jeweiliges ich, ist nichts im Vergleich zur überwältigenden Größe unserer Zukunft. Für alle anderen sind wir selbst „der Nächste“. Es ist wie mit der Maske. Sie schützt uns nicht wirklich, aber es schützt uns, wenn sie kollektiv getragen wird. Entscheide ich mich in diesen Tagen für Führung und Verantwortung, dann ist das Mittragen der kollektiven Richtung ein guter Weg.